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Die Karten im Welthandel werden neu gemischt

  • Autorenbild: Julian Malgiaritta
    Julian Malgiaritta
  • 29. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Die US-Zollpolitik stösst viele Staaten vor den Kopf und bestimmt unvermindert die Schlagzeilen. Auch wenn es mühselig und nervenaufreibend ist, scheint sich die Wirtschaft mit dem Zollverdikt zu arrangieren. Derweil arbeiten die Länder an neuen Handelsabkommen, um die Handelsströme auf andere Märkte umzuleiten.


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Bereits während der Corona-Pandemie begannen sich protektionistische Tendenzen abzuzeichnen, die der jahrelang boomenden Globalisierung ein unvermitteltes Ende setzten. Der 2. April 2025 markierte eine weitere drastische Kehrtwende im Welthandel. An dem von ihm ausgerufenen Liberation Day verkündete US-Präsident Donald Trump die Wiedereinführung von drakonischen Basis- und Strafzöllen auf Importen, mit dem Ziel, die kontinentale Industrie zu stärken. Zuvor waren global über Jahrzehnte hinweg Zollhürden abgebaut worden. Zuletzt hatte beispielsweise die Schweiz auf Anfang 2024 die Zölle auf Industrieprodukte aufgehoben.


Überraschend kam das Verdikt aus den USA zwar nicht. Trump löste damit im Wesentlichen ein Versprechen ein, das er seinen Wählerinnen und Wählern in seinem Wahlkampf gegeben hatte. Gleichwohl reagierten die Börsen weltweit unmittelbar mit massiven Einbussen darauf. Die Schockstarre der Investoren löste sich allerdings bereits nach wenigen Tagen. Der heftige Kurstaucher war kurz später bereits wieder egalisiert, und die Aktienmärkte setzten ihren Aufwärtstrend unbeirrt fort.


Die Schweiz wähnte sich als sechst grösster Auslandinvestor in den USA – investiert in 50 Bundesstaaten – zunächst auf der sicheren Seite, umso mehr als Trump zudem die Standhaftigkeit unseres Landes gegenüber einem EU-Beitritt positiv hervorhob. Umso stärker überraschte die Dimension des «Zollhammers», den die US-Regierung dann notabene an unserem Nationalfeiertag ansetzte. Mit der mathematischen Formel, die sie dafür anwendete, hatte niemand gerechnet.


Die erwartete Reaktion der Börsenteilnehmer darauf blieb jedoch weitgehend aus. Die Wirtschaft und damit der Aktienmarkt schienen sich – notgedrungen – damit zu arrangieren. Dies vielleicht auch, weil sich die exportorientierten Unternehmen nach der Corona-Pandemie gefolgt vom Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der Energiemangellage und dem Nahost-Konflikt in einem Dauerkrisenmodus befinden, wo ihnen selbst der Importzolltarif von hohen 39 Prozent kaum noch etwas anzuhaben vermochte. Die Hoffnung, dass sich die Konjunkturlage endlich stabilisieren würde, wurde einfach um ein weiteres Jahr hinausgeschoben.


Für alle Beteiligten war es selbstverständlich und nachvollziehbar, dass die Unternehmen, die ihnen aufgelegten Zölle an die Importeure in den USA überwälzen. Als wesentlich herausfordernder und administrativ aufwendiger erweist sich für die betroffenen Unternehmen die Sprunghaftigkeit in der US-Zollpolitik. Das andauernde Hin und Her beim Anziehen und Lockern der Zollschraube auf Zuruf macht Exporte und Investitionen in die Vereinigten Staaten unberechenbar und fördert derzeit eher eine Zurückhaltung.


Grosse Schweizer Industrieunternehmen, die bereits in den USA produzieren, sind dort, weil es für sie ein wichtiger Absatzmarkt ist und schon bis anhin eine entsprechende Nachfrage nach ihren Produkten besteht. Ausbaupläne machen sie dementsprechend auch nicht von der US-Zollpolitik abhängig. Von den Zusatzzöllen sind sie nur dort betroffen, wo sie als Importeure auftreten, beispielsweise bei Rohstoffen wie Stahl oder Aluminium, die mit hohen 50 Prozent Importzöllen belegt sind, die sie aber ebenfalls weiterverrechnen. Als Unsicherheitsfaktor erweist sich für sie die Entwicklung des Dollars respektive die anhaltende Frankenstärke.


Fataler ist die Situation für kleinere Unternehmen, die stark vom US-Geschäft abhängen und nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, ihre Produktion kurzerhand in die USA zu verlegen. Sie profitieren am stärksten von der jüngsten Reduktion des Importzolls auf 15 Prozent. Auch wenn der sie nach wie vor belastet, werden damit wieder gleichlange Spiesse beispielsweise mit Handelsteilnehmern aus dem EU-Raum geschaffen.

Fakt ist, dass in den USA bislang kein Inflationsschock eingetroffen ist. Aller (medialen) Fixierung auf die US-Politik und den US-Markt zum Trotz, rufen sich die Handelsteilnehmer offenbar in Erinnerung, dass die Welt einiges grösser ist als die Vereinigten Staaten. Der Anteil der USA am Welthandel beläuft sich auf lediglich 15 Prozent. Hinzu kommt, dass nur wenige Staaten dem Beispiel der US-Zollpolitik gefolgt sind. Zum Mittel der Gegenzöle hat beispielsweise China gegriffen. Andere Staaten haben sich dagegen klar von dieser Praxis distanziert. Dies wirkt auf globaler Ebene stabilisierend, nicht zuletzt, weil sich aus der aktuellen Situation Potenzial für Handelsabkommen mit neuen Partnern ergibt. Davon zeugen auch die in diesem Jahr abgeschlossenen Abkommen zwischen der Schweiz und Indien, Mercosur und Thailand. Sie reduzieren die Abhängigkeit vom US-Markt weiter.


Gleichwohl gibt es für gewisse Industrien keine Alternative zum US-Geschäft, etwa die Life-Science- und die Pharma-Industrie sowie die Flugzeugindustrie. Sie plagt aber nicht nur die Zollproblematik. So sind Medikamente momentan noch von Zöllen befreit., was aber morgen schon wieder anders sein kann. Überdies werden sie unter Umständen gezwungen sein, ihre bestehenden Absatzkanäle aufzugeben und auf Kanäle zu wechseln, die die Trump-Regierung geschaffen hat. Insgesamt zeigt sich, dass Zollpolitik kein probates Mittel zur Standortentwicklung ist und sich nur bedingt eignet, das Wirtschaftswachstum nachhaltig zu stärken, vor allem nicht, wenn sie derart unklar und wechselhaft ist.

 
 
 

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